Das Herbstfestival bespielt alljährlich charismatische Orte des Mostviertels und hat sich programmatisch zu einem Konzertzyklus mit feiner Solo- und Kammermusik entwickelt.
Klangraum im Herbst
DIE MAGIE DER ZAHLEN
Eins und eins macht zwei. Das weiß jedes aufgeweckte Kind, bald nachdem es laufen gelernt hat. Drei und vier macht sieben. Zur Not kann man für diese Addition auch die Finger verwenden. Schwieriger wird es jedoch für die angehenden Arithmetiker, wenn in der Volksschule „über den Zehner“ gerechnet wird. Dann reichen beide Hände nicht mehr aus, also muss ein Trick her. Die Eins rückt in der neuen Ziffer nach links, an die ursprünglich erste Stelle kommt eine Art Loch: Die Null. Die unheimliche Null gelangte vor vielleicht tausend Jahren aus dem Morgenland nach Europa, wahrscheinlich aus Indien, über persische sowie arabische Gelehrte und Händler. Wie geheimnisvoll dieses mathematische Nichts ist, weiß man spätestens beim Multiplizieren und Dividieren. Jedes Malnehmen mit der Null ergibt wieder null, jedes Teilen durch sie aber Unendliches. Das grenzt an Zauberei. Kein Wunder also, dass schon früheste Philosophen die Zahlen mit den Planeten und Sternen, mit den Göttern oder auch bloß mit den Sphären sowie den Harmonien und Disharmonien der Musik in Verbindung gebracht haben. Es gibt heilige Zahlen (3, 7, 12, 108) und teuflische (666 sowie neuerdings 88), rationale und irrationale. Die Primzahlen und ihre Verteilung bleiben nicht nur Nichteingeweihten ein Rätsel. Und schon sind wir beim Thema für das kommende Festival „Klangraum im Herbst“. Vom 18. Oktober bis zum 19. November 2026 dreht sich dort in Waidhofen an der Ybbs alles um die „Die Magie der Zahlen“
Eröffnet wird am 18.10. um 18 Uhr vom Ensemble Affinità in der Bürgerspitalkirche von Waidhofen an der Ybbs mit „The Alchemist“. Georg Friedrich Händel hat 1710 die Schauspielmusik für die Wiederaufnahme der gleichnamigen Komödie von William Shakespeares Zeitgenossen Ben Jonson aus dem Jahre 1610 komponiert. Man muss es nicht unbedingt verstehen, kann es aber heute noch nachfühlen: Musik wurde nicht nur damals als eine Wissenschaft von Verhältnissen und harmonischen Proportionen verstanden. Das vermitteln an diesem Abend auch Werke von Georg Muffat, Christoph Graupner, Johann Pachelbel und Matthew Locke
Sieben Tage darauf, am 25. 10. um 18 Uhr, gibt Hannes Schöggl im Kristallsaal von Schloss Rothschild den Takt zu unserem Generalthema an: „Thunder“. Der vielfach preisgekrönte Multipercussionist aus dem steirischen Langenwang stellt unter bemerkenswertem Körpereinsatz musikalische Zahlenspiele an. Zu hören sind Werke von Xenakis und Bernd Richard Deutsch, die sich mit Stochastik, der Fibonacci-Folge und dem Goldenen Schnitt befassen. Ist Höhere Mathematik nicht überfordernd, wenn man eigentlich bloß Kulturgenuss sucht? Nein! Ergeben Sie sich einfach ganz speziellen Sphären zauberhafter Musik.
Was wäre ein Festival zur Magie der Zahlen ohne Beteiligung von Johann Sebastian Bach? Am 1. November, zu Allerheiligen, steht er um 18 Uhr in der Franziskuskirche von Waidhofen an der Ybbs im Zentrum des Geschehens. Zu hören ist bei „Morimur“ seine Ciaconna für Violine, zusammengeführt mit Chorälen über Tod und Auferstehung. Der vielseitige und bereits mehrfach ausgezeichnete Virtuose Benjamin Herzl ist der Solist (er spielt auf einer Guarneri von 1732), die Company of Music wird von Johannes Hiemetsberger geleitet.
Eine Woche darauf, am 8. November um 18 Uhr, wird es im Kristallsaal von Schloss Rothschild noch einmal richtig wissenschaftlich. Es geht wieder um „Bach, oder Zahl und Musik“. Doch keine Angst vor Überforderung! Wenn ein Professor das Schwierige verständlich machen kann, dann der weit über die Grenzen Wiener Universitäten bekannte Mathematiker Rudolf Taschner. Für ihn reicht Rationalität nicht aus, um Bachs Genie und die vollkommene Schönheit mancher seiner Werke zu erfassen. Kombiniert wird Taschners Vortrag mit einem Konzert der Cellistin Antonia Straka. Die junge Künstlerin stammt aus einer bekannten Wiener Musikerfamilie. Als Solistin debütierte sie 2021 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins und im Schubertsaal des Wiener Konzerthauses. In Waidhofen will sie zwei Solo-Suiten von Bach sowie Werke der Moderne spielen – von György Ligeti und Sofia Gubaidulina.
Aufgemuntert durch die bisherigen mathematischen Unterweisungen wäre es jetzt vielleicht an der Zeit, zu fragen, was denn die perfekte Zahl sei. Gilt nicht die Sieben als besonders heilig? Nun ja, das stimmt. Aber am 15. November gibt es um 18 Uhr im Kristallsaal von Schloss Rothschild dazu einen kräftigen Kontrapunkt. „Die Sieben“ bedeutet nämlich nicht nur Vollendung. Zugegeben: Laut einer Schöpfungsgeschichte in der Genesis ruhte Gott am siebten Tag. Die Sieben besteht zudem aus den elementaren Zahlen Drei und Vier, aus himmlischer Dreifaltigkeit also und irdischen Grundbedingungen wie den vier Himmelsrichtungen und den vier Elementen. Zugleich aber zählen für fromme Christen die sieben Todsünden seit der Spätantike zu den Hindernissen auf dem Weg in himmlische Sphären. Der italienische Dichter Dante Alighieri stellte sie ins Zentrum des Mittelteils seiner vor mehr als 700 Jahren vollendeten „Göttlichen Komödie“. In diesem „Purgatorio“ wird von den armen Seelen auf sieben Stufen des Läuterungsberges gebüßt. Ach hätte man sie nur frühzeitig vor all diesen Lasten gewarnt! Bei unserem Festival gibt es Gelegenheit zur Einsicht. Ein Weltstar aus Waidhofen, der Opernsänger Günther Groissböck (Bass), unternimmt, begleitet vom Pianisten Julius Drake, eine musikalische Reise durch die Sieben Todsünden mit Werken von Robert Schumann, Franz Schubert, Dmitri Schostakowitsch…
Zum Abschluss des Festivals, am 19. November, geht es um 19:30 Uhr im Kristallsaal von Schloss Rothschild weit zurück in die späte Bronzezeit: „Die Vier – Das Lied des Zorns“, beschäftigt sich mit einer besonders tückischen Todsünde. Burgschauspielerin Stefanie Reinsperger liest aus der „Ilias“, die wahrscheinlich im 12. Jahrhundert vor Christus handelte und ein halbes Jahrtausend später vom griechischen Dichter Homer aufgezeichnet wurde. Dieses Epos über den Trojanischen Krieg beginnt mit dem Zorn des Achilles. Anfangs ist das nur ein Grant, weil sich dieser Superheld von Heerführer Agamemmnon übervorteilt fühlt. Achilles zieht sich im neunten Jahr der Belagerung von Troja schmollend in sein Zelt zurück. In Scharen fallen nun die Griechen den Attacken des trojanischen Superhelden Hektor zum Opfer. Der tötet aber auch Patroklos, den Lebensmenschen des Achilles. Letzterer kehrt ins Kampfgeschehen zurück. Sein Zorn wird zur Raserei, blindwütig kennt er keine Hemmschwellen mehr. Doch jedermann hat eine verwundbare Stelle. Schließlich wird auch der schnellfüßige, löwenherzige Männerbeuger und Städtewerfer einem göttlichen Zorn zum Opfer fallen. Doch das ist bereits eine andere Geschichte. Die „Ilias“ mit ihren 24 Gesängen (also zwei mal drei mal vier Bücher) endet trügerisch friedlich mit der Bestattung des vom zornigen Achill getöteten Hektor.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch unserer magischen Zahlenspiele!
Herzlich willkommen,
Ihr Thomas Bieber
Das Herbstfestival bespielt alljährlich charismatische Orte des Mostviertels und hat sich programmatisch zu einem Konzertzyklus mit feiner Solo- und Kammermusik entwickelt.